Klassenkampf

May 1st, 2009

Kürzlich hatte ich die Musse für einen DVD-Abend und fand im Regal meines Mitbewohners «Die Fetten Jahre sind vorbei» von Hans Weingartner. Zwei junge Grosstadtrevolutionäre entwickeln darin eine aussergewöhnliche Form des Widerstands gegen das etablierte Bürgertum. Sie brechen nachts in Villen ein, stellen sämtliches Inventar um, hinterlassen eine Botschaft, um anschliessend das Anwesen wieder zu verlassen, ohne etwas mitzunehmen.

Die Deppen, denkt man anfänglich, bis man versteht: Den Revolutionären ist es ernst mit der Vision, ihr Widerstand würde Nachahmer finden und letzten Endes die Welt verbessern. Ein «A Clockwork Orange» für Warmduscher, war mein erster Gedanke und erst als die revolutionäre Volksfront durch eine Freundin zum Trio erweitert war, wurde das Motiv für den mehr oder weniger organisierten Psychoterror Wohlhabender wenigstens ein klein wenig handfester: Sie nämlich überweist dem Topmanager Hardenberg monatlich mehrere hundert Euro, weil sie dessen Luxuswagen schrottig gefahren hatte und nicht dafür versichert war, weil sie es verschlampt hat, die Versicherungsprämie zu bezahlen.

Dumm nur, dass sich das Trio ausgerechnet beim Einstieg in dessen Villa erwischen lässt. Sie sahen sich gezwungen, Hardenberg in eine abgelegene Berghütte zu entführen – notabene das Ferienhaus einer Verwandten der Antiwohlstandbewegung.

Hardenberg, gespielt von Burghart Klaußner, hat eine frappante Ähnlichkeit mit dem ehemaligen deutschen Aussenminister Joschka Fischer und während man sich auf der Alm nicht ganz im Klaren darüber war, was als nächstes geschehen sollte, stellt sich heraus, dass Hardenberg dem Joschka nicht nur äusserlich gleicht, sondern auch dessen Vergangenheit hat: Aktiver 68er, Steine werfen, freie Liebe und dergleichen mehr – und schwupps war es dahin mit der Antipathie der Revolutionären.

Freunde wurden die vier bis Filmende zwar nicht, doch die Moral der Geschichte fand ich bestechend: Alle verfluchen wir das Bürgertum und den Adel genau so lange, bis wir selber einmal die Chance haben, auf einer Toilette zu sitzen, die uns den Arsch mit warmem Wasser putzt.

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Johannes Sieber wartet auf seine Chance. Für den Kuppler schreibt er einmal im Monat von der Banalität des Alltäglichen und hofft, damit seinen Beitrag zur Verbesserung der Welt getan zu haben.
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Independent Music

April 1st, 2009

Als MTV noch ein Musiksender war, bestimmte er meinen Sonntag Abend. Trotz Gewerbeschule am Montag und Tagwacht um 5:50, liess ich es mir nicht nehmen, die drei besten Formate der Fernsehgeschichte in Serie reinzupfeiffen: «MTV Most Wanted» mit Ray Cokes, «120 Minuten Independent Music» mit Paul King und quasi als Bettmümpfeli den «Headbangers Ball» mit Vanessa Warwick.

Zu dieser Zeit waren Musikvideos noch Musikvideos. Ohne SMS-Chat, 0900-Charts-Voting und anderem Blödsinn aus der «Customer Relationsship Marketingtheorie, Thema Kundenbindung». Als ich noch fernsehsüchtig war, fesselten uns die Inhalte an die Mattscheibe: Neues von Happy Mondays, The Cure oder den Beastie Boys erfuhren wir am Sonntagabend via Satellit von MTV UK.

Heute gibt’s dafür Myspace und Facebook. Independend Music ist zu einer Farce verkommen. Und trotzdem erhitzen sich heute noch die Gemüter bei Gretchenfrage «Ist das Indie?»: Coldplay ist es nicht, MGMT schon gar nicht, The Coral vielleicht, Gossip nicht mehr, Goose gerade noch knapp. Warum? Man weiss es nicht.

Grund dafür sind die unbestimmten Entscheidungskriterien. Es ist nicht nur eine Frage der Musik, so viel ist klar. Natürlich muss es etwas rauer sein. Ecken und Kanten sind gefragt. Etwas blurry vielleicht, jedenfalls nicht zu clean. Wäre Indie ein Teigwarengericht, es wäre Vollkorn und aldente. Apropos: In der eigenen Küche aufgenommene Alben sind auch schon mal sehr indie – egal wie es sich anhört.

Wichtig auch: Der kleine Bruder sollte «es» noch nicht kennen. Und die Doofen der Klasse auch nicht. Überhaupt am Wichtigsten: Je bekannter, desto weniger Indie. Darum heisst Indie eigentlich «Ich kenne es halt schon aber du nicht, darum bin ich viel cooler als du!». Aber das will niemand hören.

Jedenfalls entdeckte ich vor kurzem auf Facebook eine Gruppe «INDIE - presented by Sony BMG Switzerland». Vielleicht wird sie ja zu dem, was für uns MTV war: Refernz ins Sachen Indiependent Music.

Und was würde ein Curt Cobain wohl dazu sagen?

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Johannes Sieber spielt Indielektropopmusik an Parties in halb Europa. Für den Kuppler schreibt er einmal im Monat von der Banalität des Alltäglichen und hofft, damit seinen Beitrag zur Verbesserung der Welt getan zu haben.
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Die Dosis macht das Gift?

March 1st, 2009

Meine Jugend verbrachte ich im Jugendraum unserer kleinen Aglo-Gemeinde, über dessen Bar an der Wand stand, in altdeutscher Schrift: «Allein die Dosis macht das Gift». Jeder 14-Jährige, der sich zum ersten Mal in den Dachstock mit den schmuddeligen Sofas wagte, wurde vom untersetzten Jugendarbeiter auf die weisen Worte von Arzt Paracelcus aufmerksam gemacht. Es war als Appell an die Selbstverantwortung im Umgang mit Alkohol zu verstehen.

Für uns aber war der Satz des Arztes die Legitimation zum masslosen Konsum von Cannabis. Während Paracelcus nie so genau sagen konnte, welche Dosis denn nun die richtige war, waren wir uns in der Clique nach einigen mutigen Selbstversuchen einig: Ein Gramm «Möggä» auf den Tabak einer Zigi, geraucht von zwei Personen galt als guter Einstieg in ein verhangenes Wochenende. Zwar variierte die Dosis je nach Lieferung, die eigentliche Problematik bei der Untersuchung lag aber darin, dass pro Wochenende nur ein Joint der Erste und folglich dienlich für die Messung war.

Nach eben diesem Ersten begann jeweils das Wettrüsten: Zwei Gramm auf zwei Zigis, drei Gramm auf drei Zigis, wir rollten mit Endlospapier von Ripps statt in OCBs und es galt: Je länger desto fantastisch. Die Besten von uns schafften vier Gramm in vier Zigis und wir waren der Überzeugung: Paracelcus würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, was wir in seinem Namen treiben.

Was uns der Jugendarbeiter damals nicht erzählte war, dass Paracelcus und seine Weisheit im 15 Jahrhundert durch die Behandlung der Geschlechtskrankheit Syphilis bekannt wurde. Obwohl es seine Patienten reihenweise niederstreckte, hielt er stur an seiner Quecksilbertherapie fest und behauptete sie als das einzige wirksame Mittel gegen die tödlichen Bakterien.

Insofern dürfte Paracelcus seit der Entdeckung von Antibiotika nichts mehr wirklich aus der Grabruhe bringen. Eine Horde kiffender Jugendlicher schon gar nicht. Man sollte sich an ihm ein Beispiel nehmen.

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Johannes Sieber besuchte kürzlich die Sonderausstellung «Lust, Leid & Wissen - Eine Geschichte der Syphilis und ihrer Therapie» im Pharmaziemuseum Basel. Für den Kuppler schreibt er einmal im Monat von der Banalität des Alltäglichen und hofft, damit seinen Beitrag zur Verbesserung der Welt getan zu haben.
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